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Hört endlich auf zu lachen

Ich bin wahrlich ein entspannter Zeitgenosse, aber in Sachen Spaß hört bei mir mittlerweile immer öfter der Spaß auf. Es scheint nämlich auf dieser Welt Dinge zu geben, die so lustig sind, dass man sie mehrmals täglich hören kann, ohne dass sie ihre Witzigkeit auch nur im Geringsten einbüßen. Es gibt da sehr viele Beispiele solcher platten Klischee-Dauerbrenner (sämtliche Männer-Frauenklischees, insbesondere Frauen = schuhverrückt, Köln = schwul, Bahn = verspätet, Türke = Prollo, blond = blöd, usw. usf. …), aber derjenige, der mich persönlich am meisten aufregt, ist:

Polen.

Ja, das war’s schon! Es braucht nachweislich nicht mehr Worte, um dem nach Unterhaltung dürstenden Publikum bereits ein entrücktes Grinsen ins Gesicht zu zaubern, denn es wird in grob geschätzten neunundneunzigkommaneun Prozent der teutonischen Hirnwindungen augenblicklich folgende Assoziationskette in Gang gesetzt: Klauen. Autos.

Kaum zu glauben, aber wahr. Nicht die Assoziationskette, die ist leicht zu erklären, seit Harald Schmidt Polenwitze »salonfähig« machte. Sondern, dass das immer wieder so generationenübergreifend lustig ist. Eigentlich müsste doch jeder halbwegs von Verstand geplagte Zuschauer sich daran erinnern, dass er denselben Scherz bereits eine gefühlte Billion mal mit einem herzhaften Lacher beehrt hat. Stattdessen funktioniert es jedes Mal. Immer wieder. Und wieder. Und wieder.

Als seit 1982 hier lebender Pole trifft mich das besonders, weil das zweitgrößte Nachbarland Deutschlands in der Wahrnehmung der meisten Deutschen nur als Land der Autodiebe und Putzfrauen existiert. Punkt. Ein weiteres Interesse oder auch nur eine grundsätzliche, offene Sympathie besteht nur bei einer kleinen Minderheit. Ach ja, die Masuren sollen auch sehr schön sein. Hat man mal gehört. Und eine weitere kleine Minderheit findet Teile Polens so sympathisch, das sie diese gerne zurück hätte.

Das ist mir besonders klar vor Augen geführt worden, als ich mir vor kurzem das »GEO special Polen« bestellt habe. Erschreckend waren darin besonders die Umfragen, die zeigten, dass entgegen meiner Erwartungen besonders jüngere Menschen ausgesprochen niedrige Sympathiewerte für ihr östliches Nachbarland hegen (21% der 14- bis 29-jährigen und sogar 32% der 30- bis 39-jährigen vergaben zwischen -3 und -5 auf einer Skala von -5 bis +5 auf die Frage »Wie sympathisch sind Ihnen die Nachbarländer?«). Das GEO-Heft ist zwar von 2004, aber ich befürchte, dass sich diese Werte nicht zum Besseren verändert haben, trotz Steffen Möller.  Bezeichnend zudem: Je weiter entfernt die Deutschen von Polen leben, desto unsympathischer finden sie es. Sicherlich liegt das nicht ausschließlich an dieser andauernden Witz-Propaganda, aber diese trägt auf jeden Fall ihren Teil dazu bei, das Bild in den Köpfen der Dauer-Rezipienten zu prägen. Interessant ist außerdem, dass Polen bei den ab 60-jährigen den höchsten Sympathiewert erreicht.

Deshalb: Hört endlich auf zu lachen. Bitte. Oder fordert von dem Komiker/Moderator/Comedien Eurer Wahl, dass er sich einen neuen Polenwitz einfallen lässt. Dann lach’ ich vielleicht auch mit.

Add comment Do, 19.03.09


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